KI & Marketing

28. Oktober 2026

ca. 10 Min. Lesezeit

Vibe Coding für kleine Firmen: Wann du ein Tool mit KI selbst baust statt ein Abo zu zahlen – und wo es riskant wird

Mit KI ein eigenes Tool bauen statt ein Abo zu zahlen: Was Vibe Coding ist, welche Rechner, Formulare und Auswertungen sich für kleine Betriebe eignen, warum Kasse, Checkout und Kundendaten tabu sind und wie du in drei Schritten entscheidest.

Sebastian Ziermann

18 Jahre Online-Marketing · Beratung & Umsetzung

Inhaberin einer kleinen Hamburger Werkstatt baut am Laptop ein eigenes Werkzeug, daneben Notizzettel mit Skizzen

In diesem Artikel

Schon eine Aufgabe im Kopf?

Das Wichtigste vorweg

Beim Vibe Coding beschreibst du einer KI, was ein Programm tun soll, und lässt sie den Code schreiben, ohne ihn selbst zu lesen [3]. Für kleine Firmen lohnt sich das bei Rechnern, internen Checklisten, Auswertungen und Prototypen, die nur wenige Leute im Team nutzen. Riskant wird es, sobald Kundendaten, Logins, Zahlungen oder die Kasse im Spiel sind: In Tests von Veracode enthielt KI-Code in 45 % der Fälle eine bekannte Sicherheitslücke [7], und das BSI rät, generierten Code immer prüfen zu lassen [9].

01 / Begriff und Anlass

Was Vibe Coding ist und warum gerade alle darüber reden.

Den Begriff hat der KI-Forscher Andrej Karpathy Anfang Februar 2025 in einem Post auf X geprägt. Er beschreibt darin eine neue Art zu programmieren, bei der man „sich ganz den Vibes hingibt“ und vergisst, dass es den Code überhaupt gibt. Er nehme alle Änderungen der KI ungeprüft an, lese die Unterschiede nicht mehr und kopiere Fehlermeldungen einfach zurück in den Chat. Das sei „nicht schlecht für Wegwerf-Projekte am Wochenende“ und funktioniere „meistens“ [3].

Diese Einschränkung geht in der Debatte oft unter. Karpathy hat nicht beschrieben, wie man Software für den Betrieb baut, sondern wie man schnell etwas ausprobiert.

Aktuell ist das Thema, weil heise und c't in den vergangenen Tagen mehrfach darüber berichtet haben. Ein einzelner Entwickler hat mit dem Projekt ArtCraft per Vibe Coding Nachbauten bekannter Programme veröffentlicht, darunter Klone von Photoshop, AutoCAD und PowerPoint, kostenlos und quelloffen [1]. Laut heise-Kolumnist Martin Fischer entstanden die ersten Nachbauten innerhalb weniger Tage; dazu gehören „PhotoCraft“, „DesignCraft“ und „WordCraft“ [2].

Die Analyse vom 27. Oktober 2026 ordnet das nüchtern ein: Die neuen Programme sind „längst nicht auf der Höhe der Originale“. Ein c't-Redakteur hat unter anderem PhotoCraft und LightCraft getestet und ihnen „deutliche Luft nach oben“ bescheinigt [1]. Gleichzeitig übernehmen Chatbots Aufgaben ganz ohne eigenes Programm: Wer Claude oder ChatGPT Folien bauen lässt, muss PowerPoint mitunter gar nicht mehr öffnen [1].

Für dich als Inhaberin oder Inhaber eines kleinen Betriebs ist die spannende Frage nicht, ob Adobe zittern muss. Sondern: Welches kleine Werkzeug, für das du heute ein Abo zahlst oder eine Tabelle quälst, könntest du dir selbst bauen lassen, und wo solltest du die Finger davon lassen?

02 / Was sich lohnt

Diese Werkzeuge kann ein kleiner Betrieb gut selbst bauen.

Gut geeignet sind Werkzeuge, die wenige Menschen nutzen, keine sensiblen Daten speichern und bei einem Fehler keinen großen Schaden anrichten. Typische Beispiele aus kleinen Firmen (Einschätzung):

  • Rechner: Materialbedarf für einen Auftrag, Staffelpreise für Angebote, Arbeitszeit pro Projekt. Das Ergebnis prüfst du ohnehin, bevor es an die Kundschaft geht.
  • Interne Formulare und Checklisten: Übergabe am Schichtende, Wareneingang, Abnahme einer Baustelle. Ein kleines Webformular ersetzt dann den Zettel an der Pinnwand.
  • Auswertungen: Ein Skript, das den CSV-Export aus Shop oder Buchhaltung einliest und dir jeden Montag die gleiche Übersicht baut. Wie du solche wiederkehrenden Aufgaben an einen Agenten gibst, zeigt der Beitrag zu KI-Agenten nach Zeitplan.
  • Prototypen: Eine klickbare Skizze für eine neue Buchungsstrecke oder ein Kundenportal. Damit klärst du mit einer Agentur oder einem Entwickler viel schneller, was du eigentlich brauchst.

Werkzeuge dafür gibt es mehrere. OpenAI trennt in ChatGPT zwischen Chat, Work und Codex; Codex ist ausdrücklich für Softwareentwicklung und technische Arbeit gedacht [4]. Was der Agent-Modus Work für Büroaufgaben kann, steht im Beitrag zu ChatGPT Work. Claude Code von Anthropic liest ein Projekt, bearbeitet Dateien und führt Befehle aus; es läuft im Terminal, in Entwicklungsumgebungen, in einer Desktop-App und im Browser, meist mit einem bezahlten Claude-Konto [5]. Lovable ist eine Plattform, die aus einer Beschreibung eine Web-App mit Oberfläche, Datenbank und Anmeldung erzeugt und veröffentlicht; laut Anbieter kannst du kostenlos starten, abgerechnet wird über Credits [6].

Für reine Informationsseiten brauchst du oft gar keinen Code. Dafür reicht ein Baukasten wie ChatGPT Sites, den ich im Beitrag Website mit KI erstellen vorgestellt habe.

Ob sich der Eigenbau gegenüber einem Abo rechnet, hängt weniger vom Abopreis ab als von deiner Zeit. Nach dem ersten Entwurf kommen Änderungswünsche, Fehler nach Updates und die Frage, wer das Werkzeug pflegt, wenn du im Urlaub bist (Einschätzung).

03 / Wo es riskant wird

Warum Kasse, Kundendaten, Checkout und Login tabu sind.

KI-Modelle schreiben inzwischen Code, der fast immer läuft. Sicher ist er deshalb nicht. Der Sicherheitsanbieter Veracode testet seit 2025 regelmäßig, ob Sprachmodelle bei Programmieraufgaben die sichere oder die unsichere Lösung wählen. Im Update vom März 2026 war der erzeugte Code in über 95 % der Fälle syntaktisch korrekt, aber nur in 55 % der Fälle sicher. In 45 % der Aufgaben baute das Modell eine bekannte Schwachstelle ein, etwa für SQL-Injection oder Cross-Site-Scripting [7]. Neuere und größere Modelle schnitten dabei nicht wesentlich besser ab [7][8]. Getestet wurde ohne Sicherheitshinweise im Prompt, also genau so, wie die meisten Menschen beim Vibe Coding arbeiten [7].

Ein Beispiel aus der Praxis: Der Entwickler Matt Palmer hat im März 2025 die Startseiten von 1.645 Apps untersucht, die mit Lovable gebaut und im Schaufenster der Plattform gezeigt wurden. Bei 170 Projekten, rund 10 %, ließen sich Datenbanktabellen ohne Anmeldung auslesen oder verändern, darunter Nutzerdaten [10]. Die US-Schwachstellendatenbank NVD führt den Fall als CVE-2025-48757 mit der Bewertung 9,3 „kritisch“. Lovable bestreitet die Einstufung mit der Begründung, jeder Kunde sei selbst für den Schutz der Daten seiner App verantwortlich [11].

Genau dieser Satz ist für dich der Kern: Baust du ein Werkzeug mit Kundendaten, haftest du dafür, nicht die KI und meist auch nicht die Plattform (Einschätzung).

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) und seine französische Partnerbehörde ANSSI kommen in ihren Empfehlungen zu KI-Programmierassistenten zu einem ähnlichen Schluss. KI-Assistenten seien „kein Ersatz für erfahrene Entwickler“, ungebremster Einsatz könne ernste Sicherheitsfolgen haben, und erzeugter Code solle grundsätzlich von Entwicklern geprüft und nachvollzogen werden [9]. Zusätzlich warnen die Behörden vor erfundenen Software-Paketen: Die KI schlägt Bibliotheken vor, die es gar nicht gibt, und Angreifer veröffentlichen später Schadcode unter genau diesem Namen [9].

Daraus ergibt sich eine einfache Liste von Dingen, die du nicht per Vibe Coding selbst baust (Einschätzung):

  • Kasse: Elektronische Aufzeichnungssysteme müssen in Deutschland durch eine zertifizierte technische Sicherheitseinrichtung geschützt sein [12]. Das baut kein Chatbot nebenbei. Wie es mit fertigen Systemen geht, zeigt der Beitrag zum digitalen Kassenbon.
  • Shop-Checkout und Zahlungen: Hier nimmst du die Lösung deines Shopsystems oder Zahlungsanbieters.
  • Login und Kundenkonten: Passwörter, Rollen und Rechte sind genau die Stellen, an denen die Lovable-Apps offen standen [10].
  • Kundendatenbanken: Alles mit Namen, Adressen, Gesundheits- oder Zahlungsdaten.

04 / Kriterien

Fünf Fragen, bevor du ein Tool selbst baust.

Zwischen „harmloser Rechner“ und „Kundenportal“ liegt eine Grauzone. Mit diesen fünf Fragen ordnest du dein Vorhaben ein:

  1. Welche Daten verarbeitet das Werkzeug? Sobald personenbezogene Daten gespeichert werden, verlangt die DSGVO geeignete technische und organisatorische Maßnahmen nach dem Stand der Technik, etwa Verschlüsselung und regelmäßige Tests [13]. Das ist mit ungeprüftem KI-Code kaum zu belegen (Einschätzung). Gib außerdem keine echten Kundendaten, Passwörter oder Zugangsschlüssel in den Chat; davor warnt auch das BSI [9].
  2. Wer nutzt es? Ein Werkzeug nur für dich auf deinem Rechner ist etwas anderes als eine App im Internet, die jeder aufrufen kann. Je mehr Menschen zugreifen, desto wichtiger werden Anmeldung und Rechte.
  3. Wer pflegt es? Software braucht Updates. Wenn nur die KI den Code versteht, ist das ein Risiko, sobald etwas nicht mehr läuft. Das BSI empfiehlt, dass Teams auch ohne KI-Hilfe arbeitsfähig bleiben [9].
  4. Was passiert bei einem Fehler? Ein falscher Wert im Materialrechner fällt dir auf. Eine falsch berechnete Rechnung oder ein offenes Kundenkonto landet beim Kunden oder bei der Datenschutzbehörde (Einschätzung).
  5. Lizenzen und Rechte: Das BSI nennt mögliche Lizenzverstöße durch KI-generierten Code als eigenes Risiko, behandelt es aber nicht vertieft [9]. Bei Nachbauten bekannter Programme kommen Marken- und Designfragen dazu. Lass dich beraten, bevor du ein selbst gebautes Werkzeug an andere weitergibst oder verkaufst (Einschätzung).

Antwortest du bei Daten und Nutzerkreis mit „keine personenbezogenen Daten“ und „nur intern“, spricht wenig gegen einen Versuch. Bei allem anderen gehört eine Fachperson dazu, die den Code prüft, oder du bleibst beim etablierten Abo.

Selbst bauen oder Abo in drei Schritten

01

Daten und
Nutzerkreis klären

02

Prototyp mit
Testdaten bauen

03

Prüfen lassen
oder Abo behalten

Erst die Risiken klären, dann bauen, dann entscheiden.

05 / So gehst du vor

Die Entscheidungshilfe in drei Schritten.

Schritt 1: Daten und Nutzerkreis klären

Schreib in zwei Sätzen auf, was das Werkzeug tun soll, welche Daten hineinkommen und wer es nutzt. Geh dann die fünf Fragen von oben durch. Landest du bei Kundendaten, Zahlungen oder einem öffentlichen Login, ist der Eigenbau per Vibe Coding raus, und du suchst eine fertige Lösung oder eine Entwicklerin (Einschätzung).

Schritt 2: Prototyp mit Testdaten bauen

Arbeite mit erfundenen Beispieldaten, nicht mit echten Kundenlisten. Nutze ein Firmenkonto statt eines privaten Zugangs; das BSI empfiehlt, unkontrollierte Privatkonten für Firmensoftware zu untersagen und die Vertragsbedingungen zur Nutzung deiner Eingaben für das KI-Training zu prüfen [9]. Welche Einstellungen das bei ChatGPT sind, steht im Beitrag zum ChatGPT-Datenschutz. Lass die KI am Ende erklären, welche fremden Pakete sie eingebunden hat, und prüf, ob es diese wirklich gibt und wie verbreitet sie sind [9].

Schritt 3: Prüfen lassen oder beim Abo bleiben

Bleibt das Werkzeug intern und ohne personenbezogene Daten, kannst du es nutzen, solange es hilft. Soll es dauerhaft laufen, mehr Menschen erreichen oder doch Daten speichern, lässt du den Code von einer Fachperson ansehen. Veracode rät ausdrücklich, KI-Code nie als sicher vorauszusetzen und Sicherheitsprüfungen fest in den Ablauf einzubauen [7]. Rechne den Aufwand dafür gegen das Abo, das du ersetzen willst. Oft bleibt das Abo die günstigere Wahl, und der Prototyp hat trotzdem geholfen, weil du jetzt weißt, was du brauchst (Einschätzung).

Halte die Regeln dafür schriftlich fest, damit nicht jede Person im Team anders entscheidet. Eine Vorlage findest du im Beitrag zur KI-Richtlinie für Unternehmen.

KI-Beratung

Selbst bauen, Abo behalten oder Agent einsetzen?

Ich schaue mir mit dir an, welche Aufgaben in deinem Betrieb ein kleines eigenes Werkzeug vertragen, wo ein KI-Agent reicht und wo du besser bei bewährter Software bleibst. Danach hast du eine klare Liste mit Risiken und nächsten Schritten.

FAQ

Häufige Fragen zu Vibe Coding.

Kann ich mit KI eine App erstellen, ohne programmieren zu können?

Ja, für einfache Werkzeuge und Prototypen. Plattformen wie Lovable erzeugen aus einer Beschreibung eine lauffähige Web-App [6]. Ob sie sicher ist, kannst du ohne Programmierkenntnisse aber kaum beurteilen [9].

Ist KI-generierter Code unsicherer als selbst geschriebener?

Einen direkten Vergleich mit menschlichem Code liefern die genannten Quellen nicht. Belegt ist, dass KI-Modelle in Tests in rund 45 % der Aufgaben bekannte Schwachstellen eingebaut haben [7] und dass das BSI eine Prüfung durch Entwickler empfiehlt [9].

Ersetzen Projekte wie ArtCraft bald Photoshop oder Word?

Derzeit nicht. Laut c't-Test haben die Nachbauten „deutliche Luft nach oben“ [1]. Für den Arbeitsalltag in einem Betrieb würde ich sie noch nicht einplanen (Einschätzung).

Quellen

Quellen

  1. heise online (Greta Friedrich): „Vibe-Coding statt Abo-Falle: Wie KI Adobe & Microsoft Konkurrenz macht“ (heise+, zitiert nur aus der frei lesbaren Leseprobe), 27.10.2026 – heise.de · abgerufen 28.10.2026.
  2. heise online (Martin Fischer): „Post zum Freitag: Vibe-Coding lehrt Adobe das Fürchten – und Microsoft gleich mit“, 16.10.2026 – heise.de · abgerufen 28.10.2026.
  3. Simon Willison: „A quote from Andrej Karpathy“ (vollständiges Zitat des X-Posts x.com/karpathy/status/1886192184808149383), 06.02.2025 – simonwillison.net · abgerufen 28.10.2026.
  4. OpenAI Help Center: „ChatGPT Work and Codex“, ohne Datum – help.openai.com · abgerufen 28.10.2026.
  5. Anthropic: „Claude Code overview“, ohne Datum – code.claude.com · abgerufen 28.10.2026.
  6. Lovable: „Welcome to Lovable“ (Dokumentation), ohne Datum – docs.lovable.dev · abgerufen 28.10.2026.
  7. Veracode (Felix Brombacher): „Spring 2026 GenAI Code Security Update: Despite Claims, AI Models Are Still Failing Security“, 24.03.2026 – veracode.com · abgerufen 28.10.2026.
  8. Veracode: „AI-Generated Code Poses Major Security Risks in Nearly Half of All Development Tasks“ (Pressemitteilung zum 2025 GenAI Code Security Report), 30.07.2025 – veracode.com · abgerufen 28.10.2026.
  9. BSI und ANSSI: „AI Coding Assistants“ (Deutsch-Französische Empfehlungen, PDF, Stand September 2024), Pressemeldung vom 04.10.2024 – bsi.bund.de · abgerufen 28.10.2026.
  10. Matt Palmer: „Statement on CVE-2025-48757“, 29.05.2025 – mattpalmer.io · abgerufen 28.10.2026.
  11. NIST National Vulnerability Database: „CVE-2025-48757“, ohne Datum – nvd.nist.gov · abgerufen 28.10.2026.
  12. Abgabenordnung: „§ 146a Ordnungsvorschrift für die Buchführung und für Aufzeichnungen mittels elektronischer Aufzeichnungssysteme“ – gesetze-im-internet.de · abgerufen 28.10.2026.
  13. DSGVO: „Art. 32 Sicherheit der Verarbeitung“ – dsgvo-gesetz.de · abgerufen 28.10.2026.

Alle Quellen am 28. Oktober 2026 abgerufen. Der heise-Hintergrund vom 27.10.2026 ist ein heise+-Artikel; zitiert wird nur der frei lesbare Teil. Aussagen ohne belastbare Quelle sind im Text als Einschätzung gekennzeichnet; die Ziffern in eckigen Klammern verweisen auf die Nummern dieser Liste.

Sebastian Ziermann

Über den Autor

Sebastian Ziermann

Ich verbinde 18 Jahre Online-Marketing mit technischer Umsetzung und unterstütze Shopify-Shops und KMU bei KI, SEO und Webprojekten.

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